Dienstag, 15. November 2011

LIFESTYLES LAUFSTEG










„Vom Jahr 2009 wird mir das Gefühl bleiben, dass der modische Zwang zur Erneuerung wie nie zuvor in einen Leerlauf geraten war.“ (Stéphane Bonvin, im hypothetischen Rückblick vom Jahr 2039)



Man konnte aus der Haut fahren. Die Preise galoppierten. Oder sie trabten wiehernd als BUDGET-Tölter und DISCOUNT-Ponys vorüber. Es war wie im Zirkus. Es konnte ja sein, dass sein Budget schrumpfte. Doch die Preise kümmerten sich nicht darum. Selbst wenn sie der Teuerung trotzten, legten sie zu. Moderat waren sie selten, gierig von Natur. Vielleicht mussten sie zulegen, damit sie die kommende Rezession überstanden. 

Und er? Musste er nicht leben, damit er das Leben überstand? Die Preise aller Dienstleistungen, Lebensmittel, Zinsen, Prämien, Wärme - die Preise rannten davon. Man lebte am Tag. Er sah eines Tages nicht mehr ein, weshalb er sich für die textile Nacht-Ausstattung so tief an seinem Ersparten vergreifen sollte. Den Entschluss ohne zu schlafen brauchte er sich nicht abzuringen.   

Er schlief also nackt. Aber schlecht, weil von dem Tag an die wilde Sequenz der Laufstegträume in sein Nachtleben eindrang. Sein virtuelles Leben als Nacktmahr begann.

Immerhin verfolgten ihn die CUMULI nicht mehr in seinen Träumen. Schäfchen zählen war ja der Luller. Aber Punkte zählen, Vorteile ausrechnen für ZAHNPFLEGESORTIMENTE, RÜCKENPROTEKTOREN, LICHTSCHLÄUCHE, ALLEWETTERSTATIONEN, LAURAS STAR-PREMIUM BÜGELSYSTEM wurde zum Game. Seine Sucht wuchs sich zur  Wachtortur aus. Und wenn das blauäugige Sparschwein ihm die SUPERPUNKTE auf das VORSORGEKONTO BEI DER SUPERMARKTBANK in die Ohren grunzte, war er am Morgen sterbenskrank.

Diesem Alptraum hatte er den Garaus gemacht. In einem heilsamen Wutanfall über die Profitpunkteschinderei hatte er am selben Tag über sämtliche Kundendienste der SHOPPINGCENTER seine sämtlichen Kundenkarten gekündigt. Auch die SPAM-Verführung war er los. Der potente Spamfilter schützte ihn endgültig gegen Werbung für dufte SCHLAFANZÜGE und KLASSE-UNTERWÄSCHE.



Seine neue Traum-Show war zum Glück kitzlig, abenteuerlich, raffiniert. Die Nacktlaufstege verrannten sich zwar rasant zu Corridamusik im Wirrsal der Korridore, Etagen und Rolltreppen eines GIGA-SPREITENBACH. Doch er nahm die Schweissausbrüche billig in Kauf. Denn er erlebte vor seinen nächtlichen Auftritten die Wonnen einer Geschlechtsumwandlung und groundete am Ende der wahnwitzigen SHOPPING-Achterbahn planmässig in einer LOUIS VUITTON MEGA-Kristallhöhle. Dort wurde er von zwei violetten Perlmuttglanzlack-Fingernägeln geBOSStitcht und erfuhr, während ihre Spitzen in seinen Leib eindrangen, zwischen verspielten LOLA-DUFTSETS lustvoll WAS WIRKLICH ZÄHLT IM LEBEN: die Liebe. Und das schon acht Wochen vor Weihnachten!

Die Liebe verband sich im gruftig riechenden FINE FOOD RESSORT sinnig mit kulinarischer Exotik. Die Rabattangebote für EYE OF REINDEER mit BROMBEER-HOLLANDAISE, den herrlichen BLUE STILTON WITH PORTWINE und den CAKE TRUFFÉ GRAND CRU mit    s e i n e m  ONLY TRUE SINGLE MALT liessen die Gaumenvorfreuden auf ein virtuelles Weihnachtsmenu in der Tundra oder in gälischen Highlands aufleben. 

Wenn er erwachte, streichelte bisweilen ein nomadischer Wind sein Gesicht. Ein silberner Ballon von beinahe durchsichtigem Glanz schwebte über dem Land. Darauf stand: WIR BAUEN – FÜR SIE! Für uns taten sie alles, dachte er. Alles taten sie nur für uns. Der Erlös ihres schrankenlosen Altruismus würde - als die Erfüllung ihres Heilsversprechens - vervielfacht auf uns zurückfliessen. Für sie allerdings war solche Empathie nichts weiter als die systemimmanente Nächstenliebe. Sie waren in jeder Hinsicht pragmatisch.

Der Tag seiner Besinnung war blau wie ein leerer Bildschirm. Sie hatten ihm die FERNBEDIENUNG geschenkt, den BOULEVARD, die LIFESTYLESPOTS, die NATUR- UND ABENTEUERFILME, die MYSTERYSERIEN, DIE SIMPSONS, die NACHTPORTALE, CLUBS, TALKSHOWS, KUNSTREVUEN. Im Programm und auf dem Glanzpapier ihrer Magazine. Die ganze virtuelle Schöpfung.

Spätnachts setzte er den GHOST RIDER auf Standby und die Nase an den Flaschenmund seines letzten TALISKER. Er roch daran, als ob er geahnt hätte, dass er ihn letzte Weihnachten leer getrunken hatte. Unter seine schmuddelig gewordene YVES DELORME LIFESTYLE-Laken kroch mit ihm zusammen die Armut und er musste sich allmählich eingestehen, dass ihm die zweite Haut fehlte.

Als der Winter kam, er kam wirklich und nicht mit Silberfäden und Colliers behängt, reifte sein Entschluss, die erste so teuer wie möglich zu verkaufen. Sie schien ihm besonders modisch: schmal, lang und dünn.



        



                     
                      





NIGHTMARE oder LIFESTYLES CATWALK
                       

Freitag, 21. Oktober 2011

In aller Welt zuhause und „fremd im eigenen Land“?




„Damit wir uns nicht fremd im eigenen Land fühlen müssen“ - ein Argument zur Initiative „Masseneinwanderung stoppen“ in der SVP- Wahlpropaganda







    Ist das Boot wirklich  voll?








Wohin treibt es uns?

Am Feierabend vor dem langen Wochenende oder beim Anbruch der grossen Ferien starten wir durch. Werfen uns in den Alpenstau, quetschen uns durch’s Check-in-Gewühl. Erobern im Stossangriff unseren reservierten Secondhand-Luxus in „Allerwelt“. Wir tauchen ein in den turbulenten Kultur-Kosmos New Yorks, Londons, Istanbuls; lassen uns von der Exotik Indonesiens, der Antillen, der Costas und Rivieras charmieren. Wir schütteln unsere Verspannungen ab und bewegen uns in aufgelösten Schwärmen locker und selbstverständlich durch „unsere“ Feriendomänen  in Ländern fremder Kultur. Als „Kolonisten“ einer gigantischen Touristik-Industrie haben wir uns abgewöhnt, vor den Fremden zu fremden. Wir importieren als zahlende Fremde Devisen.

Als sonnengebräunte Heimkehrer erleben wir manchmal einen leichten Schock vor der ureigenen Normalität zuhause. Doch der geht vorüber, denn bald schleicht sich ein anderes, ein altes Unbehagen wieder ein. Denn zuhause, im eigenen Land, sind auch Fremde. Die zahlreichen Gesichter, die nicht zu uns gehören, lösen das andere Fremdgefühl in uns aus. Und die schwarzen Trampelsohlen auf dem roten Teppich mit dem Schweizerkreuz, welche herdenmässig ins Heimische eindringen, bestärken das alte Unbehagen. Das unwiderstehliche Gefühl schafft sich Raum, es sei nötig, unseren Überfremdungsschock politisch zu therapieren. „Stopp“ zu sagen, ein Neinmehr zu artikulieren, gegen die „Masseneinwanderung“, gegen erdrückende Überfremdung.

Zuhause geht der weltempfängliche Schweizer auf Distanz. Schon mehrheitlich? Ist das nicht ein Schweizer Paradox?

Die Schweiz gilt als weltoffene Nation. Sie begriff ihre Chance und pflegt dieses Image. Tourismus Schweiz profitiert davon. Die Schweizer Industrie ist innovativ, exportiert in alle Welt und hält personell weltweit vertreten die Flagge hoch. In EU-Ländern, den USA, China, asiatischen Tigerstaaten. Der Austausch von Waren, Information und Devisen ist hoch im Kurs. Doch zuhause wächst Argwohn. Der Schweizer fremdet. Handelt es sich beim Menschenaustausch um Erwerbspersonen, sind Fremde bei uns nicht mehr so populär. Wir legen ihnen keinen roten Teppich aus. VIP’s der Teppichetagen ausgenommen. Selbstverständlich auch Steuermillionäre! Arbeitsuchende sind dagegen Konkurrenten. Und Asylsuchende, die kleine Minderheit unter den Fremden, sind suspekt. Mehr und mehr. Sozialhilfeempfänger unter Fremden sowie Sanspapiers gelten sogar ohne Hinsehen bald schnell als Profiteure und Kriminelle.




Selbst in seinem vertrauten „Allerwelt“, als Massen- und Exklusivtourist, hat sich der Schweizer - pardon, nicht nur er - gerne in Holyday-Villes, in Clubs, in Spa-Wellness- und Fünfstern-Ghettos gegen die zunehmend problembelastete soziale Wirklichkeit der Fremdländer abgegrenzt. Neuerdings pflegen Zahlungskräftige den Standard, auf Mega-Passagierfähren mit dem Luxus-Angebot von Grossstädten in einer sindbadschen Fantasiewelt herumzukreuzen. Ganz unter ihresgleichen. Wir fliegen im Pauschalarrangement pazifische oder afrikanische Ferienparadiese an, mit Traumstränden, Süsswasser-Swimmingpools, Einkaufspassagen mit Beautysalons, klimatisierten Hotelzimmern mit Luxusausstattung. Und machen uns dabei kaum bewusst, dass unter den Lebenden ausserhalb „unserer“ Paradiese die Wenigsten privilegiert sind, in ein privilegiertes Land wie die Schweiz zu reisen. Nicht allein aus materiellen, viel mehr aus politischen Gründen. Zu reisen nicht als Asylanten, sondern als freie Menschen. So wie wir.




Haben wir, die wir in der Schweiz gegenüber Fremden fremden, zu wenig daran gearbeitet, uns selber ab und zu fremd vorzukommen? Nicht nur zuhause, sondern auch im Ausland? Haben wir Heimwehschweizer uns nicht darin geübt, dieses Fremdgefühl auch in der Heimat einmal zuzulassen, statt gleich „s’isch gnueg!“ zu rufen? Und vielleicht sogar ein paar fällige Fragen an unser politisches Gewissen zu stellen? Möglicherweise haben wir, denen es über Jahrzehnte so selbstverständlich gut ging, versäumt zu verstehen, dass die Ursachen des Phänomens, das wir als „Überfremdung“ erleben, globaler Natur sind. Dass die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Welt - auf ihre Ursachen und Auswirkungen hin betrachtet - auch unsere sind. Dass sich ihre Ursachen nicht so einfach in der Einwanderung festmachen, in den Ausländern personifizieren lassen. Dass wir unsere Probleme nicht pauschal der Personenfreizügigkeit oder einer „largen“ Asylpolitik anlasten können, sondern auch selber für sie grad stehen müssen.

Es gibt keine Krähwinkel-Lösungen aller Probleme durch abwehrhaften Rückzug auf uns selbst, durch rigide Einwanderungskontrolle, durch Kontingentierung und Punktekriterien bei der Zulassung arbeitsuchender Ausländer, durch drastische Verschärfung des Asylrechts und ausserdem  die wieder anvisierte Abkoppelung der Entwicklungsländer von der Entwicklungs-Zusammenarbeit, welche man durch den Hinweis auf „verschleuderte“ Steuergelder gern ungerechtfertigt dem Verruf preisgibt. Der Rückzug durch Massnahmen einer prinzipiell-isolationistischen Politik ist nicht bloss selbstgerecht, sondern auf die Länge auch kurzsichtig, denn sie versperrt sich der Teilnahme an Lösungen, der Mitverantwortung und damit der Zukunft!

Im Stil der SVP-Propaganda für ihre Initiative „gegen Masseneinwanderung“ schlägt eine Krähwinkel-Haltung durch, denn sie appelliert allzu einseitig und mit wahlstrategischem Kalkül an unterschwellige Ängste und den Gruppen-Eigennutz der Wähler. Die Zusammenhänge lassen sich nicht mit emotional aufgeladenen Argumenten verständlich machen. Sie sind komplex. Und genauso lassen sich die Probleme nicht kurzfristig mit Schneidbrenner-Methoden bewältigen. Sie fordern uns einen Aufwand ab, sind nur auf längere Sicht, durch liberale Lösungsschritte, zu regulieren. Möglichkeiten und Bedeutung einer Politik des belebenden Austauschs und der institutionellen partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Nationen und Kulturen bleiben in der simplifizierenden Initiativ-Propaganda ausgeblendet.








      Heim - wo in der Welt?




Mittwoch, 24. August 2011

Frischs Schweizer Biedermänner




Eine Festrede des SVP-Bundesrats zum Nationalfeiertag am 1.August 2011




Frischs „Biedermann“ als erbauliches Lehrstück

Man läuft Gefahr, sich daran zu gewöhnen, dass die Schweizerische Volkspartei in ihrer wahlpolitischen Propaganda gerne krasse Einzelfälle von Sozialhilfe-Betrug generalisiert oder die Angst vor ausländischen Rowdies und Kriminellen anheizt, um die Sozial- und Asylpolitik der Schweiz zu torpedieren. Die Strategie ihres Abnützungskriegs gegen das soziale Gewissen ist erstaunlich erfolgreich.

Wenn die SVP auch die Klassiker der Schweizer Literatur für ihre Wahlpropaganda ausweiden wollte, dann würde sie ihre Strategie um eine interessante Dimension erweitern. Denn diese ist gerade im 20.Jahrhundert an pädagogisch Verwertbarem  reich.

In seiner Erst-August-Rede erweist Bundesrat Maurer, Minister für Verteidigung Bevölkerungsschutz und Sport, Max Frisch im Jubiläumsjahr als begeisterter Leser seine Reverenz. Er ist klug genug, Frischs Lehrstück „Herr Biedermann und die Brandstifter“ bei der festlichen Gelegenheit nicht die Folie einer parteipolitischen Sehweise überzustülpen. Der Seldwyler Haarölfabrikant ist nach dem Verständnis seines Autors ja schliesslich der „Herr Biedermann in uns selbst“ (Hörspiel, Ansage 7), also kein Anhänger einer politischen Ausrichtung, sondern eben ein Jedermann. Er ist einer, der sich - wohlmeinend betrachtet - aus Angst, seinen spiessbürgerlichen Humanismus (seinen naiven „Glauben an das Gute im Menschen“) zu verraten, von zwei als Obdachlose verkappten Terroristen erpressen lässt, ihnen in seinem Haus Asyl anbietet und dadurch zum Komplizen ihres verheerenden Anschlags auf die Stadt wird.

Obwohl das Etikett aus dem Vorrat der Parteipropaganda leicht verfügbar wäre, ja fast auf der Hand läge, macht der Festredner den nachgiebigen Hausherrn konsequenterweise nicht zur idealtypischen Verkörperung des „netten Linken“. Der Geschäftsmann ist für ihn zunächst nichts anderes als ein „gut etablierter Bürger“, dem es „an Kraft und Mut fehlt nein zu sagen“, weil er „das Gesicht verlieren“ könnte. - Die zwei aalglatten Gauner des Lehrstücks, welche fusskratzend und zugleich mit schlau dosierter Anmassung seine Menschenliebe erbetteln, würden sich allerdings präzise ins ideologische Schema der SVP einfügen. Sie gäben ein drastisches Exempel her: nämlich als obskure Verkörperung der mit der Überfremdung unserer Heimat infiltrierenden Macht des Terrorismus und der organisierten Kriminalität. Doch der Minister verbietet sich solche plumpe Eindeutigkeit und erliegt nicht der Versuchung, Frischs Text zum Zweck explizit parteipolitischer Propaganda auszudeuten.

Da die Festrede aber den „Mut nein zu sagen“ zum Leitthema ihres Hauptteils wählt, macht sie den Zuhörern im Grundsatz trotzdem klar, dass sie Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ als politisches Lehrstück einspannt. Im vierten Abschnitt expliziert der Redner die handfeste „Moral“ des Stücks am Generalthema der SVP: der Stellung der Schweiz zur Europäischen Union. „Nachgeben provoziert immer wieder neue Forderungen.“ Wenn der bürokratische Riese bald mit den Muskeln spiele, bald mit Solidaritätsappellen locke, so gelte es seiner Verführungsmacht zu widerstehen, mahnt Maurer. „Wenn man unbedacht den kleinen Finger gibt, nimmt sie gleich die ganze Hand.“ Die Warnung mit Fingerzeig auf Biedermann wird an dieser Stelle nun allerdings zur Propagandafloskel. „Gute Miene machen zum bösen Spiel“ sei gefährlich, mahnt Maurer. Das weckt wohl den Eindruck simpler Schulmeisterei,  denn jedem Befürworter bilateraler Verhandlungen dürfte heute einleuchten, dass die „Blanko-Unterschrift“, welche die Schweiz zwingt, „künftiges EU-Recht zu übernehmen“, ein krasser Mangel an verhandlungstaktischem Realismus wäre. So naiv war Schweizer Politik gegenüber der EU nie, dass sie Diplomaten zu heikeln Verhandlungen schickte, die „Mühe“ hatten zum Vorteil des Landes „Nein oder Halt zu sagen“, weil sie fürchteten, ihr „edles, humanes oder modernes“ Image zu verlieren.

Die Feiertagsrede hofiert ihrer festlich gestimmten Zuhörerschaft. „In unserem Land ist das Volk die Elite und der Bürger Souverän.“ Es ist das Verdienst der „sogenannt gewöhnlichen Leute“, dass das Land den „Verwerfungen an den internationalen Finanzmärkten“ zum Trotz „gut positioniert“ ist. Holla! Die staatsmännische Belehrung schmeichelt. Aufgemuntert hört der Schweizer, dass er von Naturell „gutmütig und hilfsbereit, nett, freundlich und friedlich“ sei, doch gerade deshalb auch - der Redner reckt erneut den Mahnfinger - unentschieden und leicht erpressbar. In moralisierender Absicht spielt Maurer mit der vorgedachten Analogie zum Lehrstück. Das ist doch ziemlich platt. Man merkt, der Vergleich ist schief, da ihm eine krasse Fehlinterpretation der Titelfigur zugrunde liegt. Der Haaröl-Fabrikant ist nämlich in keiner Weise gutmütig, keine Seele von Mensch, sondern skurril-verlogen und feig. Er taugt nicht als Vorbild der naiv-idealtypischen Haltung, welche Maurer dem Schweizer zubilligen möchte und mit der sich dieser ja nicht ungern selber flattiert. Die Anbiederung des Festredners entlarvt sich da von selbst.  


Der wahre Titelheld des „Lehrstücks ohne Lehre“

Gottlieb Biedermann pocht selbstgerecht auf die bestehende Ordnung, wo immer sie seine Interessen schützt. Ganz besonders brutal verfährt er mit seinem Angestellten Knechtling. Vierzehn Jahre lässt er ihn zu seiner Zufriedenheit für sich schuften, schlägt ihm schliesslich die versprochene Beteiligung aus und treibt ihn durch Rauswurf in den Selbstmord. In einem Anfall von Entschlossenheit tritt der Hausherr auf seinem Estrich auf („Aufmachen! - oder ich rufe die Polizei…“) und macht den zwei geschäftigen „Untermietern“ unmissverständlich klar: „Ich dulde kein Benzin auf meinem Dachboden. Ein für allemal!“ Nach derart auftrumpfender Beherztheit wird er aber im Handumkehr kleinlaut. Das Dienstmädchen ruft ihn ans Telefon. Die Polizei ist wegen Knechtlings Suizid  am Apparat. Der Hausherr knickt ein und lässt seine Frau ausrichten, er sei ausser Haus.   

Biedermann hat, wie der „Verfasser“ in einer Ansage des Hörspiels anmerkt, „ein etwas schlechtes Gewissen“ und zwar „zu Recht“. Weil er aber „ein gutes haben möchte, ohne irgend etwas zu verändern“, was natürlich nicht gehe, sei er gezwungen „sich selbst zu belügen“. „Darin besteht seine Gefährlichkeit“, lässt Frisch den „Verfasser“ ergänzen. Der Seldwyler Haarölfabrikant hält sich für gerecht („Ich begehe kein Unrecht“). Unter seinesgleichen gilt er daher wie jeder ordnungsliebende Mann für menschlich. Was er zu verlieren fürchtet, sein Gesicht, ist allerdings nicht mehr als seine Maske.

Biedermann verdrängt, dass an den Verhältnissen, welche er mitverantwortet, etwas faul sein könnte. Er hat schon seiner möglicherweise unlauteren Geschäftspraktiken und Knechtlings wegen Angst vor der Polizei, obwohl er als notorischer Querulant am Stammtisch und zu Hause gerne über die „verfluchte Einmischerei überall“, über „Verstaatlichung“, „Vorschriften“ und „Mietpreise“ schimpft. Verdachtmomente im Estrich seines Hauses zu Hauf nähren seine schleichende Angst vor umstürzenden Veränderungen, welche von ihm ein Opfer fordern könnten. Wenn er den Vorbereitungen der sinistren Obdachlosen nicht mehr Einhalt gebietet, dann weil er es versäumt rechtzeitig die Gewissensfrage zu stellen.

In seiner unterschwelligen Angst, es sei am Ende eh zu spät, er sei schon zu ihrem Komplizen geworden und könnte zur Rechenschaft gezogen werden, lässt er den Dingen den Lauf. Ja, er redet sich sogar ein, „gesetzt den Fall, die beiden Gesellen führten wirklich etwas im Schilde“, dann wäre es ratsam, „ihr Freund“ zu sein, damit sie ihn „wenigstens verschonen“ würden. Die beiden Brandstifter haben ein leichtes Spiel, sie brauchen ihr Vorgehen nicht einmal mehr zu tarnen. Einer von ihnen, der Eisenring, reibt Biedermann sogar höhnisch unter, „die beste Tarnung“ sei „immer noch die blanke und nackte Wahrheit.“


Eine Rede Frischs über „Politik als Fortsetzung des Geschäfts mit anderen Mitteln“

Max Frischs Rede vor dem SPD-Parteitag in Hamburg 1977 über den Terrorismus und die Haltung der Intellektuellen könnte uns eine politische Bedeutung der Parabel im Sinn Frischs erschliessen, welche ihr nachträglich - zur Zeit des Terrors der Roten Armee Fraktion - erst zuwächst.

Die damals von den Sozialdemokraten gestellte Regierung unter Helmut Schmidt hatte die „Logik“ der terroristischen Bedrohung nach Frischs Ausführungen erfasst und sich nicht durch die Erpressung der Terroristen auf einen „Menschenhandel“ eingelassen. Wenn Frisch unterstreicht, dass sie sich durch ihre harte Haltung in den Entführungsfällen die „ethische Legitimation“ verschafft habe, ihr „Versprechen auf Mehr-Demokratie…nicht mehr preiszugeben“, so drückt der Autor in seiner Rede an die Parteigenossen eine Erwartung aus. In Konsequenz ihrer Entschlossenheit war die Regierung sich und der Gesellschaft der Bundesrepublik schuldig die Gewissensfrage zu stellen. Frisch formuliert diese in seiner Adresse an die Sozialdemokratie und an  s e i n e  Generation - die Vätergeneration der rebellischen Jugend der Sechzigerjahre -  gerichtet wie folgt:

„Wie unschuldig ist unsere Gesellschaft an der Wiederkunft des Terrorismus oder schuldig  - nicht als Sympathisanten, was wir als Reform-Demokraten ja nie haben sein können, sondern als  B i e d e r m ä n n e r  schuldig durch familiären und institutionalisierten Unverstand gegenüber einer ganzen Generation?“

Welche Leitziele hat die dem Krieg entronnene Gründergeneration des Wirtschaftswunders ihren Söhnen und Töchtern gesetzt? Weshalb mutierten sie in den Sechzigerjahren zu Verweigerern und Rebellen und schliesslich zu Terroristen? In einer Reihe rhetorischer Fragen umreisst Frisch seine Antwort zum Thema, etwa so: Was fanden die Vertreter der Nachkriegsgeneration vor „ausser der Einladung zum fröhlichen Konsum als Voraussetzung für Wirtschaftswachstum“ oder - vorweg die Männer - zum Aufbau einer gesellschaftlichen „Karriere“ nach dem Vorbild und Plan ihrer Eltern? Und direkt an die Partei gerichtet ruft Frisch seinen Zuhörern die Fragen ins Gewissen: Ob die SPD für die Herstellung von „Mehr-Demokratie…als ein Ziel über die eigene Konsum-Person hinaus“ arbeite. Ob sie sich für die „Wiederherstellung der Politik mehr als die Fortsetzung des Geschäfts mit anderen Mitteln“ entschieden habe und sich für eine Politik engagiere, welche „im Gegensatz zur Profit-Schlacht aller gegen alle  L e b e n s w e r t e  stiftet.“

Die revoltierende Nachkriegsgeneration solidarisierte sich vor heute 50 Jahren in der Bundesrepublik gegen die Neuauflage der 1933 verhängnisvollen „Ermächtigugsgesetze“ („Notstandsrecht-Debatte“) und die in der Blüte des „Wirtschaftswunders“ anschwellende Konsummentalität, welche die Auseinandersetzung um die Verantwortung an den Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur verdrängte. Ein anderes entscheidendes Thema der „theoriewütigen jungen Linken“ (Frisch) war ihr heftiger Protest gegen die internationale Unrechtsordnung des „Neokolonialismus“. Protektionismus, Kartellwirtschaft und Korruption förderten in den von autoritären Regimes dominierten Ländern der „Dritten Welt“ eine „Anarchie der Ausbeutung“. Die „Industriestaaten“ setzten aus demokratischer Sicht fragwürdige Mittel ein, um die mit ihrer Ideologie und ihren Zwecken konformen Verhältnisse zu stabilisieren. Multinationale Konzerne hatten praktisch freie Hand. Durch Aufrüstung ihrer Zugewandten hielten die Mächte, wo es ihnen opportun erschien, sogenannte „Stellvertreterkriege“ in Gang (Beispiel: Waffen gegen Erdöl!).

Die Generation der Sechzigerjahre machte Front gegen den Waffenhandel, die Stellvertreterkriege und besonders erbittert gegen den „schmutzigen Krieg“ im geteilten Vietnam. Sie verband sich in Solidarität mit den Armen der „Dritten Welt“, demonstrierte für „Verteilungsgerechtigkeit“ und gegen die „Entrechtung“ und „Ausbeutung“ der „Kleinbauern“ (Landvertreibung, Blockierung der Landreform) oder ethnischer Minderheiten. Radikale Gruppen innerhalb der Studentenbewegung solidarisierten sich - zunächst gewaltlos - mit dem „Befreiungskampf“ der Unterdrückten. Eine organisierte Abspaltung, in der Bundesrepublik „die Rote Armee Fraktion“, entschied sich für Untergrundkampf und Terror.

Solidarität, an welcher der Verdacht haftete, sich dem Interesse der sozialistischen Revolution anzudienen, galt in der Bundesrepublik und den Staaten des westlichen Bündnisses als Verrat. Frisch fragt in seiner Hamburger Rede, „wie viel Wirkungsraum“ den jungen linken Intellektuellen an den Hochschulen eingeräumt worden sei, „um das Potential ihrer Erwartungen einzubringen“. Und er schliesst mit der Antwort: „Erwartet wurde Unterwerfung; geblieben ist: einerseits die Resignation, verbunden mit Karriere, die Glaubensverlust und damit Selbstverlust niemals aufhebt, und andererseits die Paranoia der Terroroisten.“


Die Gegenwart: Globale Perspektive - verpasste Chancen   

Die revoltierende Nachkriegsgeneration hat heute das Alter Frischs zur Zeit seiner Hamburger Rede  (1977) erreicht. Die Thematik der Auseinandersetzung von damals zog die mediale Aufmerksamkeit bis in die 80-iger-Jahre auf sich. Dann absorbierte eine technisch-wirtschaftliche und mit der Wende von 1989 politische Neuorientierung die Kräfte. Sie löste einen konjunkturellen Aufschwung aus, welcher den Wohlstand und die Durchlässigkeit der sozialen Klassen steigerte, setzte einen Konsum- und Bauboom in Gang und neue Prestige- und Karriereziele in die Welt. In den Medien eroberten sich die smarten und populistischen Themen Platz und Vorrang. Es ist unter anderem die Zeit der High-Tech-Revolution, der Yuppies, der Town-Regenerations.

Ein „Turbo-„ und „Kasino-Kapitalismus“, welcher im letzten Jahrzehnt mit wild gewordenen Hedge-Fonds und Konsumrausch im letzten Stadium die Stimmungsschwelle einer Street-Parade erreichte, mündet direkt in das Seriebeben der Finanz- und Wirtschaftskrise. Diese gipfelt in einer exorbitanten Staatsverschuldung, welche nun die Politik im Widerspruch zu den Regeln der Marktwirtschaft zu harten Lenkungsmassnahmen ruft. Das Grollen des Bebens bricht nicht ab. Die Utopie schrankenlosen Wachstums treibt die Weltwirtschaft  - im Augenblick ziemlich führungslos - mit geblähten Segeln zwischen der Skylla der Inflation und der Charybdis der Rezession dahin. Wenn sie auf Sand strandet, hat sie Glück. So sähe die „weiche Landung“ aus.

Zur Zeit des Kalten Kriegs setzte die Konkurrenz der zwei divergierenden Systeme um politischen Einfluss, Rohstoffe und Märkte der Ausdehnung ihrer Machtsphäre gegenüber dem Entwicklungsziel den Vorrang. Die Wende nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums hätte als ein Signal verstanden werden müssen. Da waren jedoch die stabilisierenden Rahmenbedingungen, welche eine nachhaltige Entwicklung gewährleisten würden, dem losgetretenen Globalisierungsschub nicht gewachsen. Die aufsteigenden Staaten, in der Regel heterogene Diktaturen oder Clan-/Stammes-Oligarchien, der parteigelenkte Kapitalismus Chinas, religiös fundierte radikale Ideologien und Organisationen, private und staatliche Konzerne, Venture-Unternehmen und Investoren-Gruppen jeder Art besetzten in Konkurrenz schnell die neuen Freiräume und Einflusssphären. Der auf militärische Potenz bauende Allmachtswahn und die alle „Grenzen des Wachstums“ verkennende Spekulation taten das Ihre. Die Chance der führenden Mächte, sich auf eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung zu fokussieren, der diplomatischen Vernunft ihren Spielraum zuzubilligen und gemeinsam - ohne Wenn und Aber - das Problem der Umweltbelastung zu bewältigen, wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten unzureichend genutzt oder verspielt.

Hätten die Industriestaaten den Ländern der „Dritten Welt“ umfassende Entwicklungs-Zusammenarbeit angeboten und beim Ausbau der Handelsbeziehungen die Regeln der Marktwirtschaft gefördert und geschützt, jedoch zugleich die Bekämpfung der Korruption machthungriger Eliten und der Klientelwirtschaft zur Bedingung gemacht, dann sähe die Welt heute anders aus. Voraussetzung zur Realisierung dieser Ziele wäre die Hilfe beim Aufbau demokratischer Institutionen, einer funktionsfähigen Verwaltung und eines für alle Bevölkerungsklassen zugänglichen Bildungssystems sowie die Durchführung einer Landreform gewesen. Langfristig wären die Länder auf dieser Basis in der Lage gewesen, ihre Produktivität im Interesse der Entwicklung ihrer eigenen Volkswirtschaften und Bedürfnisse  nachhaltig zu erhöhen und regionale Märkte aufzubauen.         


Schicksalsgemeinschaft oder Abgrenzung?

Bevölkerungswachstum und soziale Not, Chancen- und Rechtlosigkeit, gewaltsame Unterdrückung und Korruption, anhaltende Anarchie und Kriege, Klimakatastrophen und Hungersnöte haben in Afrika, Asien und Mittelamerika Migration und regional umfangreiche Fluchtbewegungen ausgelöst. Heute sind die Industriestaaten nicht nur zunehmend mit ethnischen Konflikten und sozialen Unruhen innerhalb ihrer eigenen Grenzen, sondern auch unmittelbar an ihren Grenzen mit Asyl und Arbeit suchenden Menschen aus den Entwicklungsregionen und aus Kriegs- oder Krisengebieten konfrontiert.

Eine Begriffsklärung sei vorausgeschickt: Seit es keine „Zweite Welt“ mehr gibt, ist der Begriff einer „Ersten“ ebenso theoretisch und obsolet geworden wie der einer „Dritten Welt“. Die Welt ist teilbar, auch heute. Nur wie? Es gibt logische Gründe für die Annahme, dass die sogenannte „Abkoppelung“ der Entwicklungsländer und die Aussperrung ihrer Bevölkerung keine praktikable Lösung des Migrationsproblems ergibt. Eine geografische Teilung der Welt in Reich und Arm wäre unmöglich, da sie logisch auch die Teilung nationaler Gesellschaften impliziert - die Trennlinie ginge mitten durch London oder Birmingham! Ausserdem bliebe die Differenzierung etwa zwischen Entwicklungs- und Schwellenländern unlösbar.

Ökonomen mögen unter „Globalisierung“ etwas anderes verstehen als Soziologen. Börsenspekulanten sowieso. Sicher ist aber, dass Wirtschaft und Gesellschaft nur als Synthese begreifbar sind. Heute ist es undenkbar, von nationalen Gesellschaften auszugehen ohne den Begriff der Weltgesellschaft zu berücksichtigen. Die globale Informations- und Verkehrsvernetzung begründet ein Zusammenrücken kulturell und sozial differenter Regionen und Gesellschaften. Sowohl der Assimilationsdruck der Globalisierung als auch die Nähe und der Austausch mit Gesellschaften fremder Kultur verstärken die Reflexion auf das Eigene. Das Gleichmachende wie das Fremde schärfen in der Regel die Selbstwahrnehmung und beleben das Bewusstsein der kulturellen Eigenart. Die veränderte Selbstwahrnehmung kann eine Renaissance der eigenen Kultur auslösen. Die durch technische und wirtschaftliche Entwicklung beschleunigte Globalisierung läuft somit paradoxerweise Hand in Hand mit einer kulturellen Regionalisierung.

Diese belebende und ausgleichende Entwicklung ist grundsätzlich wünschbar.  Wenn sich die der Globalisierung innewohnende Dialektik aber verstärkt, den Austausch behindert und zu einer Entfremdung oder sogar radikalen Abgrenzung zwischen Gesellschaften verschiedener Kultur führt, dann lässt sich die Ursache häufig in einer wachsenden wirtschaftlichen und sozialen Disparität, einem sozial unverträglichen Wohlstandsgefälle ausmachen. Abgrenzung als einseitig durchgesetzte politische Massnahme führt niemals zu einer Lösung des aktuellen Grundproblems. Denn sie ist die konforme Konsequenz einer Reihe von Fehlentwicklungen und Versäumnissen, welche dadurch zustande kamen, dass die Utopie schrankenlosen Wachstums und die einseitige Orientierung auf Gewinnmaximierung die ausgleichende Instanz marktwirtschaftlicher Regeln und Prinzipien pervertierten; dass Arroganz und Durchsetzungsmacht - etwa einzelner multinationaler Konzerne - die Regeln ausser Kraft setzten, so dass die aus Verzerrungen erwachsende globale Krise folgerichtig die soziale Disparität noch vertiefte. Die dadurch hervorgerufene allgemeine Unsicherheit und Erosion der Werte gefährdet heute die Weltgesellschaft.        


Die Entwicklung, welche wir heute mit dem Wort Globalisierung bezeichnen, ist nicht rückgängig zu machen, es sei denn durch einen naturhaften Zusammenbruch des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gefüges, einen Kurzschluss aller Sicherungen, die Katastrophe einer von Unruhen, Anarchie und Kriegen begleiteten Regression. Gegen dieses pessimistische Szenario gibt es nur die Suche nach gemeinsamen Lösungen, eine Form globaler Mitbestimmung, die Kommunikation unter Berücksichtigung aller Interessen. Abgrenzung endet in der Sackgasse.

Es sei noch einmal erinnert: Die soziale Trennung geht mitten durch unsere Gesellschaft, durch moderne Städte und ausufernde Agglomerationen. Wenn die Wall-Street-Parade der Börsenmakler und Banker mit der Wachstums-Euphorie und ihren Gewinn- und Lohnexzessen eine weltweite Finanz- und Schuldenkrise, wachsende Arbeitslosigkeit und Rezessionsgefahr zur Folge hat - was sind dann die hirnlosen Plünder-Riots des Jugendmobs in Tottenham anderes als der - keineswegs nur rassistisch zu verstehende -afrikanische Schattentanz mitten im Konsumparadies der einstigen Hauptstadt des britischen Weltreichs?
 


Braucht Neinsagen Mut? Zur SVP-Initiative „gegen Masseneinwanderung“

Bundesrat Maurer mahnt die Zuhörer in seiner Rede zum Nationalfeiertag mit Hinweis auf den erpressbaren „Helden“ in Frischs dramatischer Parabel: „Manchmal braucht es Mut Nein zu sagen.“ Seine Partei, die Schweizerische Volkspartei, propagiert und erwartet ein beherztes deutliches Nein gegen die sogenannte  „Masseneinwanderung“, welche sie zum Thema ihrer neuesten Volksinitiative macht.

Die SVP umwirbt und macht Stimmung für ein Schweizertum, dessen Pflege in einer technisierten, mobilen, multikulturellen Gesellschaft als Sonderkultur und Inhalt einer Sehnsucht nach Bindung und Unversehrbarkeit einen legitimen Platz hat. Sie selbst zelebriert es an ihren Albisgüetli-Tagungen und anderen Treffen in volkstümlichem Rahmen und erfüllt durch Dauerpropaganda ihre ideologische Mission: einem im 18.Jahrhundert begründeten Volksbegriff zu einer durchschlagenden Renaissance zu verhelfen, einem Volksbegriff, welcher zur Zeit des europäischen Nationalismus als Produkt einer Mythologie kultiviert wurde und in Zeiten äusserer Bedrohung auch im 20.Jahrhundert - besonders während der Weltkriege - eine integrierende Rolle spielte.

An Schützen-, Sänger- und Trachtenfesten wurden damals der Nationalgeist und die Idee der Einheit und Einigkeit, mit der er sich verbindet, heraufbeschworen und auch heute regelmässig wieder belebt. Der Sonntagspatriotismus, die Volksfeste, die Tagsatzungen und natürlich die Erst-August-Feier mit ihren Reden und Feuerwerken haben etwas Reizvolles, halten eine Tradition und auch die Erinnerung an Einheit in schwierigen Zeiten wach. Vielleicht ist der Erste August nicht zuletzt deshalb erst vor etwa einem Jahrzehnt zu einem allgemeinen Feiertag erklärt worden, weil der Druck zur europäischen Integration und kulturellen Assimilation in einer Phase wirtschaftlicher und politischer Globalisierung wuchs und die Tradition sowie den nationalen Bestand überhaupt in Frage stellte.

Am Beispiel der Volksmusik kann man aber ein spannendes Aufbrechen, eine zukunftsfähige Erneuerung der verfestigten Tradition beobachten. Wo sich die tradierte Musik nicht nach aussen abgrenzt, sondern durch andere Genres - etwa indische, orientalische, afrikanische und insbesondere moderne Rock- und Popmusik - zu neuen Klangformen und Experimenten inspirieren lässt,  können wir gerade heute offenbar eine lebendige Manifestation dialektischen Widerspruchs erleben. Längst ist im Gegenzug zur Globalisierung und zum bürokratischen Zentralismus der europäischen Einigung eine eindrückliche Erneuerung regionaler Kultur im Gang, welche erstarrte Tradition aufbricht und sich fremden Einflüssen öffnet ohne sich selbst zu verleugnen. Musik ist grenzüberschreitend. Musik ist weltläufig. Das gilt für Kultur insgesamt. Sie lässt sich nicht einbinden, ideologisch oder politisch dienstbar machen. Das bedeutet keinesfalls, dass sie nicht von politischer Relevanz sei.



Die Propaganda der SVP entwickelt gezielt ein Bedrohungsszenario, von dem sie politisch zu profitieren hofft. Mit ihrer neuen „Initiative gegen Masseneinwanderung“, welche die Ab- und Ausgrenzung von Migranten institutionalisieren soll, übersteigert sie sich selbst. Mit dem Schlagwort überschlägt sie sich geradezu im Aufblähen von Horrorszenarien, wenn ihre Aktivisten besorgte Fragen unter das Stimmvolk streuen: Wie man denn im Fall einer Rezession und zunehmender Arbeitslosigkeit  (Massenarbeitslosigkeit?) den „Rückfluss“ organisieren wolle - gemeint ist mit dem ominösen Wort die Ausschaffung der durch die Grenzschleusen ins Land geströmten Zuwanderermassen.

Massenwanderungen gibt es in der Geschichte. Wirtschaftliche Chancenlosigkeit hat immer Migration ausgelöst. Kriege und Hungersnöte hatten etwa zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Europa Massenwanderungen zur Folge wie gegenwärtig in Ostafrika. „Masseneinwanderung“ ist jedoch eindeutig ein politisches Schlagwort, das die tatsächlichen oder zu erwartenden Relationen sprengt. Es ist unnötig und verwirrend, denn jeder vernünftige Politiker weiss, dass massenweise Einwanderung die Ressourcen und die Ordnung eines dicht besiedelten Landes von der Grösse der Schweiz hoffnungslos überfordern würde. Schrankenlose Aufnahme von Zuwanderern ist etwa so absurd wie die Vorstellung schrankenlosen Wachstums.

Wie in Lateinamerika um die Mitte des 20.Jahrhunderts haben gegenwärtig Revolutionen die arabischen Länder erfasst. Sie werden sich auf dem Schwarzen Kontinent vermutlich fortsetzen. Gewaltsame Reaktion wird nicht ausbleiben, aber die wohl unaufhaltsame  Entwicklung demokratischer Gesellschaften nur verzögern. Die Länder nehmen die Chance ihr Schicksal selber zu bestimmen in die Hand. Politisch Verfolgte und sozial Notleidende werden zwar weiterhin auswandern, aber es ist nicht zu befürchten, dass die revolutionären Umwälzungen Massenflucht und Wogen einer neuen Auswanderungsbewegung bewirken, im Gegenteil!

Eine vernünftige Lösung des Problems, welches der Gewissensfrage antwortet, ist in einer Verbindung von Zuwanderungsbegrenzung mit Entwicklungszusammenarbeit und dem Aufbau wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen zu orten. Bei der begrenzten Zulassung geht es allerdings um mehr - weit mehr! - als bloss darum ein humanitäres Zeichen zu setzen. Die Intensivierung der Beziehungen setzt die Förderung des Vertrauens und des gegenseitigen Verständnisses voraus. Sie erfordert im Rahmen dieser Zielsetzung einen Austausch von Menschen zwischen zugewandten Ländern. Menschen, die nicht bloss einseitig als billige Arbeitskräfte einwandern oder einen Zweck als Vermittler profitabler Joint-Ventures erfüllen, sondern Menschen verschiedener Berufsrichtungen, Studenten und Gäste, welche wechselseitig voneinander lernen und sich entwickeln können.


Frischs Schweizer Biedermänner  

Gottlieb Biedermann hat Angst: Er stellt die Gewissensfrage nach seiner Verantwortung (oder Mitverantwortung) nicht, denn er will „seine Ruhe“ haben. Er wünscht sich einen Staat als Nachtwächter, den Nachtwächterstaat, der sich möglichst wenig, jedenfalls nicht durch unnötige Regulierungen, in seine Geschäfte einmischt. Einen Staat, der ihn in Ruhe lässt und nur dafür sorgt, dass Ruhe herrscht. Natürlich auch Freude, die er bieder geniesst und als „Kultur“ zu schätzen weiss, wenn ihm danach zumute ist. Er hat auch seine sentimentale Seite. Aber an Kritik hat er keine Freude. Da fällt die Maske seiner „Nettigkeit“, welche sein kalt-berechnendes Selbstinteresse kaschiert.

Gottlieb Biedermann hat Angst vor Veränderung. Er will sich die Schweiz als Heimat erhalten, indem er sie abschottet. Er macht sein Land zum Reservat für Schweizer und dazu für ein paar reiche ausländische Steuerzahler. Er macht die schweizerische Kulturlandschaft zum Nationalpark. Die Schweiz ist nur als Reservat  s e i n  Land. Das Land mit seinem dank „heimischer“ Industrie, Landwirtschaft und Arbeitskraft starken Franken, der härtesten Währung der Welt. Es ist die Schweiz mit Eigentumszertifikat und den drei „S“ für „sicher, sauber und schön“ und einem VIP-Portal für fremde Kapitalkraft und Touristen. Ausserdem mit einer Hintertüre für ein Kontingent fremder Arbeitskräfte im Notfall.

Gottlieb Biedermann arrangiert sich mit den unheimlichen Gästen im Quartier seines Dachbodens aus Angst. Sein „Nein“ bei der Abstimmung gegen Zuwanderer wäre kein mutiges gewesen, weil er sich ja nicht mehr als die Probleme, welche er sich nun durch seine Feigheit einbrockt, hätte vom Leib halten wollen. Er will nicht mehr als seine Ruhe. Auch jetzt. An Lösungen war und ist er nicht interessiert, weil sie, wie er genau weiss, ein Opfer fordern. Biedermanns „Nein“ ist ein Verdrängen, ein Aufschieben. Und ein Abschieben. „Stopp jetzt!“ sagt er.

Biedermanns Autor sagt in seiner Rede 1977, dass „die Gelassenheit der Pharisäer“ einen angesichts „Napalm-Genozid“ in Vietnam, „entsetzen“ könne. Biedermann war es nicht, der damals „Stopp“ rief. Es ist nicht anzunehmen, dass die Gewalt-Exzesse des Zahnarzt-Diktators in Syrien gegen die gewaltlos demonstrierenden Anhänger der demokratischen Revolution - gegen ein Volk, welches sein Schicksal in die eigene Hand nimmt - unseren Gottlieb heute aus seiner Ruhe brächten. Wenn aber in Seldwyla Riots ausbrechen, jugendliche Randalierer Geschäfte plündern und Autos abfackeln sollten, dann würde er „Stopp!“ schreien, sofort nach der Polizei rufen und niemals nach Gründen fragen.

Sollte es Anlass geben, irgendwelche Ähnlichkeiten zwischen dem „Helden“ des Stücks und lebenden Personen zu vermuten, so lässt sein Autor versichern: „Herr Biedermann ist eine erfundene Figur: Herr Biedermann in uns selbst.“

Zum Schluss: Heimat wird nicht heimischer, wenn man das vermeindlich Böse - das Fremde - an ihren Grenzen aussperrt und ihre Literatur verharmlost, damit sie brauchbar wird.






WER SCHAFFT MIT EINEM SCHWARZEN "VERKEHRSZEICHEN" SICHERHEIT?



Donnerstag, 28. Juli 2011

MONEYMOBIL



MONEYMOBIL oder  „Kreditentscheid in 30 Minuten“






Werbe-Schlagzeilen


„UNKOMPLIZIERT, KUNDENORIENTIERT, SCHNELL“ oder „FLEXIBEL, EFFIZIENT, VERTRAUENSWÜRDIG“ lauten die Devisen der GE MONEY BANK. Die Attribute sind beliebig austauschbar.

Kundeninformation: Die Bank „gehört zum weltweit tätigen Geschäftsbereich GE Money von GE, der General Electric Company“. Der Konzern ist „eines der grössten und renommiertesten Unternehmen der Welt“. GE Money Bank, mit Hauptsitz in Zürich und 26 Filialen in der Schweiz, ist „in den Bereichen Fahrzeugfinanzierung, Fahrzeug-Leasing, Privatkredite, Karten, Versicherungen und Sparen tätig“.

Zum Bereich „Fahrzeugfinanzierungsgeschäfte“ oder „MOTOR SOLUTIONS“ gehören „die Finanzierungen im Auto- und Motorradhandel… sowie im Freizeitbereich für Wohnwagen und Boote.“ NB: Partner der GE Money Bank ist der Touring Club Schweiz. Zusammen gewinnen beide, GE und TCS.

Information zur aktuellen Werbekampagne: Mit „Humor“  setzt die Konsumkreditbank die Devise ihrer „Unternehmenskultur“ ins schlüssige Bild um. Das Werbekonzept: „Die Protagonisten…werden quasi bereit zur Erfüllung ihrer Wünsche in die Filiale transferiert.“ Die flotte Szene am Kundenschalter und die Schlagzeile suggerieren: 30 Minuten? Nicht länger als ein Frühstück. GE zahlt fix! Die machen’s ohne Formularkram, reichen uns die Scheine gleich über den Schalter!

„HEIRATSWILLIG?“, „HOCHZEITSPLÄNE?“, „FAHRSPASS?“, „TAPETENWECHSEL?“, „SONNENHUNGRIG?“ fragen die fetten Kopfzeilen über dem Angebot. „Warten Sie nicht länger!“ Bei der Gratisnummer am Fuss liegt ein sauberes Bündel Banknoten. Liegt wie ein Gratulations-Präsent aus der Pipeline geklotzt und unterstreicht, was dem winkt, der einschlägt. Spiegelt vor, was selbstverständlich nicht zutrifft: Subito-Wunscherfüllung, gleichsam  schwupps wie im Märchen („Tischleindeckdich“!).

Zahlung in die Hand? Nein, so bestimmt nicht! Das Schweizerische Bankgesetz regelt den Kreditverkehr, wie man sich ausrechnen kann, pedantisch. Wir haben bloss durchs Werbefenster geschaut! Das reale Fenster vor dem Schalter der Filiale ist solid. Kugelsicher! Das durchs Glas abzuwickelnde Geschäft ist - im Eigeninteresse der Bank - geregelt, verlässlich, diskret. „Wir prüfen jeden Antrag mit grösster Vertraulichkeit - Ihr Arbeitgeber wird von uns nicht kontaktiert.“ Falls der Nachsatz den Kunden beruhigt, ist er an der richtigen Adresse. Kommt aber Verdacht auf, dass darin Werbung durchschlage, empfiehlt es sich, das Kleingedruckte im Vertrag vor dem Unterschreiben genau zu lesen. Dort steht neben viel Kompliziertem: „Allfällige von mir verfügte Datensperren gelten gegenüber der Bank als aufgehoben.“    

Die Bank lässt ihren „Claim“ gezielt auf das Kundensegment mit dem Sinn für ihre Art von „Humor“ los. Nach dem Vokabular der Marktsoziologen sind die Umworbenen: jung, unkompliziert, veränderungslustig. Ungefähr synonym konditioniert der Popjargon der Lifestyle-Designer die Leute als: sexy, chic, trendy. Bank und Kundschaft erfüllen wechselseitig ihre Erwartungen: „Zusammen gewinnen wir!“ flattiert vertrauenweckend-solidarisch der Prospekt.  



Die Honeymooner - ein Szenenskript der Werbekampagne


ER:  Ferienhochzeiter, rotweiss kariertes Sportshemd, leger über die Taille getragen, rechter Ärmel hochgekrempelt, am losen linken die Braut eingehakt, Kragen offen, Zylinder salopp in den Nacken geschoben, lockere Jeans, leichte Loafers, grosse Einkaufstasche an rechter, Brautstrauss in linker Hand.

SIE:  Dame, Tüllfülle des Brautkleids über linken Arm geworfen, Brautschleier noch keck auf Chignon gesteckt, ärmelloser Dress, sommerlich-elegant, hauteng, knielang, ärmellos,  trendig gemustert, pink und blau, goldene Sandaletten-Pumps, schlanker Absatz, apart.

SIE und ER. Pose: Das Geschäft ist abgeschlossen. ER steht neben dem Bankschalter auf seinen platten Loafers wie ein angewurzelter Hans im Glück und strahlt seine Braut an.  SIE ergreift wie es scheint die Initiative, setzt resolut einen goldenen Stöckelschuh vor und zieht ihren Hochzeiter zur Zweckerfüllung ihrer gemeinsamen Verträge fort. SIE ist schliesslich die Prinzessin in diesem Sommer-Werbemärchen.    

Der Private-Banker im tadellosen Anzug wünscht mit aufgesetztem Lächeln kombiniert versichertes Reise- und Eheglück. Lächelt er dem Paar zu oder dem Bildschirm? Er ist auf allen Varianten des Posters nichts als die exakte Kopie seiner selbst. Ein siebenmal austauschbarer Private-Banker eben.

Für das Paar beginnt die mit Hilfe der speditiven Bank gebuchte Hochzeitsreise. Jetzt - und einmalig! „Frisch getraut“ im geleasten Kabrio zum 5-Stern-Billigluxus mit Aquapark in der zugebunkerten Megalopolis an der COSTA SMERALDA oder DORADA irgendwo.

Mitmachen ist halb gewonnen. Halbe-Halbe. Leistung auf Vorschuss. Die Bank hat dem jungen Hochzeiter auf seinen Wunsch Arbeit und Kreativität abgekauft. Gezahlt wird später, vertraglich geregelt. Die abgegriffene Geschichte. Das Märchen ist formelhaft, es zieht aus seinem Plot keine Moral. Das Werbemärchen schliesst jedenfalls - gesichertes Einkommen voraussetzend - wie jedes Märchen glücklich. „Der Krug geht zum Brunnen, bis er…“ Die unglückliche Variante  passt nicht zur Gattung. Manchmal aber zerbricht ein Traum.

Die Rechnung zahlt sich, sofern der Markt nicht einbricht. Die Gewinnmarge der Bank ist hoch, zwischen 10 und 15 %! (Ohne die Prämie der freiwilligen Ratenversicherung von 8% der Kreditrate monatlich und eventuelle Gebühren.) Die Erwartung des ebenso konsum- wie demokratie-verwöhnten Kunden steht in perfekter Symmetrie zum Angebot und hält den Markt im Aufschwung. Die faulen Anlagen sind abgestossen, das Geld ist wieder geschäftig - und sauber.





Traumtänzer auf gläsernen Wunschwürfeln


„SPIELRÄUME SCHAFFEN“, „FLEXIBILITÄT GEWINNEN“, „BEWEGUNGSFREIHEIT ERHALTEN“, „WÜNSCHE ERFÜLLEN“. Die Schlagzeilen der Barkredit-Prospekte animieren die TraumtänzerInnen auf kompakten durchsichtigen Kuben. Alle möglichen Anschaffungen und Freiheiten projeziert ihre Fantasie im Innern der himmelblauen Glaskörper: das Riesenplauschsofa aus weissem Velourleder, das magischweiss glänzende 250 PS Sportkabrio, den Skispass im stiebenden Pulver, das eigene Ferienappartement in der blendenden Arena, das spiegelnden Meer und das Flüstern einer sanften Brise im Haar und im weissen Sand.


„DIESEN SOMMER WILL ICH MEIN CABRIO!“ sagt die innere Stimme des smart gekleideten jungen Mannes auf dem Poster im Korridor zum panzerverglasten Schalter der Filiale, hinter welchem den Besucher ein freundliches Lächeln empfängt. Er hätte zwar auf die angebotene Diskretion bauend seinen Antrag „schneller über gemoneybank.ch“ schicken können, aber er hat noch ein paar Fragen.

Kredit, weiss er, hält die Produktivität in Gang, treibt den Konsumkreislauf, generiert Arbeit und Wachstum. Kredit generiert aber auch metastatisch wachsende Risiken. Das weiss er nicht erst seit attraktiv verpackte, wenn auch komplexe Invest-Angebote undurchsichtige Riesenblasen erzeugten, unter denen sich Hoffnungen verflüchtigten und unzählige Träume wie venezianisches Glas zerschlugen. Fliesst Kredit - disproportional zunehmend - in unproduktives „Machwerk“, also in Status und Komfort, welche das Selbstinteresse der Konsumenten (die kapitalistische Triebkraft) bedienen, aber weder ökonomisch noch kulturell mehr als einen marginalen Nutzwert haben, dann wird der Kreislauf zum Leerlauf. Das Getriebe klickt aus. Der Vorgang ist unberechenbar. Finanzinstitute verwandelten sich 2009 zu Glasbläsereien im globalen Massstab!



Zurück zum Honeymoon-Kredit


Die alte Geschichte.  ER, der Hochzeiter, ist eher der tumbe Bauernsohn des Märchens als  SIE, die resolute Braut, etwa gerade eine Boulevard-Prinzessin. Die Kreditbank schiesst den Preis der im Märchen zu leistenden Arbeiten vor. Der Barkredit ist gleichsam der Vorschuss auf die riskante Leistung, durch welche der Märchenheld sein Leben, die Prinzessin und die Anwartschaft auf ihr Erbe erst gewinnen muss. Das Pärchen leiht sein Glück in der Form eines Kredits, den es gemäss dem Vertrag mit Schuldzinsen zu 10 bis 15 % (nach Wahl) zurückzahlt. Einen Achtel der Kreditsumme beansprucht im Durchschnitt (ohne Gebühren) die Bank, welche - eben Glück in Form von Geld leiht. 


TOO SWEET TO RESIGN?



Medienmitteilungen (2010)

In Deutschland gab es “bis 2009…die GE Money Bank als Privatkundenbank des amerikanischen Grosskonzerns General Electric (GE). Im Zuge der Finanzkrise wurde die Bank an die spanische Banco Santander verkauft.“

„Mit Start am 12.7.2010 baut GE mit der GE Capital Bank wieder ein Privatkundengeschäft in Deutschland auf. Die Bank ist nicht neu - sie war bisher schwerpunktmässig  in der Mittelstandsfinanzierung tätig.“


Eine Feststellung (2011)

In Spanien beträgt die Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen (Lehr- und Hochschulabsol-venten) 44 %. Hochschulausbildung garantiert keine Stelle in Spanien. Stellenlose dieser Generation solidarisieren sich. Ein Teil des in Spanien ausgebildeten hochqualifizierten Personals wandert in die EU ab - vor allem nach Deutschland. Deutschland verspricht gegenwärtig viermal höheren Lohn und soziale Sicherheit. Jobs finden die Bewerber insbesondere in der Autoindustrie, zum Beispiel bei VW. Deutschlands Autoindustrie ist Exportweltmeisterin.


Kundenfrage an den Finanzexperten - Krisenübung zur Vertrauensbildung?

„On my latest Ryanair credit card statement, it says, that on the 7th Jan `09, GE Capital Bank was acquiered by Banco Santander SA. Does anyone know if this is just the UK credit card/ money lending arm or will they have bought all of GE Money Bank? I ask as my mortgage is with GE and wondered what (if any) effect that may have? Thanks, Mark”

Der Kunde findet folgende “Expertenantwort” und gibt sie gleich mit Bildwerbung zur Vermietung eines „Sunshine holyday apartements in Costa Almeria“ und Links für „rental owners“ zur Kenntnis. Sie lautet:

„GE Money Mortgages & Secured Loans are still managed by GE Money and are not included in the acquisition.”