Donnerstag, 10. Juli 2014

PERSÖNLICHE KABELPOST



PERSÖNLICH





                                                                                             WERBUNG  ENTFESSELT
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Mit einem Hintergrund-Kommentar
aus dem Zitate-Generator von
Peter Sloterdijk: "Die schrecklichen 
Kinder der Neuzeit"








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                     Werbung bewegt …



 

 
       

                                       … Spo(r)t macht frei ... 




       

                                                                                                               Herr Urlauber

                ... Spendiert Kraft durch Freude ...







                                                          … und beschleunigt auf  Topspeed






             









Kursnotierungen aus Peter Sloterdijks philosophischem Observatorium (Zitate)


Das „Monstrum“ der bürgerlichen Gesellschaft „betreibt einen psychopolitischen Reaktor, der sich durch Selbsterhitzung in Gang hält. Er funktioniert als ein Perpetuum Mobile der Erzeugung von Imaginationen, Erwartungen und Aspirationen.“


„Das Pathos der Wahlfreiheit gedeiht im Klima der Desorientierung am besten.“


 „In aller Welt werden viel mehr Wünsche nach Objekten des Konsums und Geniessens stimuliert, als durch real erarbeitete Güter bedient werden können.“


„In die Welt werden stets mehr Täuschungen, Warenkonzepte und Angebote an die Deliriumbereitschaft des Publikums entlassen, als je in realistische Projekte reintegriert werden können.“



Peter Sloterdijk: „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“












Freitag, 28. Dezember 2012

SMART




  

                                                                                      SMART - Konnotationen









































Montag, 2. Juli 2012

APOKALYPSE NOW im Wohnzimmer









TV-Programmwerbung und die Schule des Verdrängens



Die Erde stürzt als wabernder Feuerball durch den Raum. Am Bildschirm in unserem Wohnzimmer. Gott sei Dank!

Im Heimkino-Programm läuft Mittwochs  APOKALYPSE  NOW .  Nicht Francis Ford Coppolas berühmtes Vietnamkriegs-Drama aus einer Zeit, als das Wort Heimkino noch nicht verstaubt war und im echten Kino gute Kriegsfilme liefen. Sondern - na was denn sonst? Die Reality-Vision einer kosmischen Apokapypse?

Wird unser blauer Planet zum Irrstern, zum Amok laufenden Hells-Angel?

Wir wissen ja schon (nicht nur aus dem letzten Buch der Bibel), dass uns etwas Verrücktes heimsuchen kann. Die endgültige Heimsuchung kann uns treffen, wir wissen und ahnen es. Unvorhersehbar oder weil wir uns nicht dagegen vorsahen. Jederzeit und überall. Natürlich glauben wir nicht, dass sie gerade uns trifft.



MEHR WISSEN. Das Magazin. Umstritten, ultimativ. JETZT! Die Animation. Auf Wunsch mit vierfacher Full-HD-Auflösung, LED-Hinterleuchtung oder 3D-Technik in der neuen Dimension von Plastizität und Schärfe. Scharf wie Sharp. N-tv bringt’s! Let’s go Sky!


Ein Spiel zum Thema: In der Audio-Video-Welt haben wir unumschränkte Programm-Freiheit. Wir wollen mehr wissen. QUIZ HAT QUOTE! Das Quiz stellt uns ein Thema zur Wahl. Beispiel (wir machen uns gefasst):

Welches Szenario der Apokalypse ist das nächste? Welches das schnellste? Welches das totsicherste?


Mit  MULTIPLE  CHOICE  macht die kollektive Kniffelei Spass. Toll, wir machen mit. Wir testen uns, schärfen unser Profil!

Antwort 1:  Die nächste astronomische Bombe ist unterwegs.

Antwort 2: Die Sonne hat einen Begleitstern, Lichtjahre entfernt. Der hebelt die Erde mit seiner Schwerkraft aus.

Antwort 3:  Wir begehen den ökologischen Selbstmord.

Antwort 4:  Wir vernichten uns militärisch.


GAME.  Wir schalten das Denken ein. Wir lernen, indem wir denken:

Der vagierende Trumm trifft den blauen Planeten am tödlichsten. Wir ersticken im Staub und erfrieren. Die Schwerkraft der Parallelsonne wirft uns aus der Bahn, knackt die Kruste. Es wird heiss und geht schnell. Die unumkehrbare Zerstörung des heimischen Biotops infolge Raubbau und chemischer Vergiftung dauert länger, hat aber schon begonnen. Den finalen Atomkrieg überleben nur die Dümmsten im Bunker.


Die Supertreffer blinken. Der Joker winkt. Das Publikum applaudiert. Wir leben nicht hinter dem Mond, wo die Kälber schwarz sind. Wir lernen, denn Wissen macht Spass und bringt Quoten. Wir profilieren uns. Klug ist, wer Fragen zu stellen weiss.



Doch wie lautet schon die Frage?

Wozu nur mehr wissen, wenn wir unser Wissen verkehrt umsetzen. Wenn die Erde schon brennt, weil wir mehr als genug wissen, jedoch läppisch wenig tun oder unterlassen, was das voraussehbare Schicksal noch verhindert. Neuerdings wieder in Rio. Trotz dem allerletzten Bericht des Club of Rome. Oder privat, daheim. Das mit dem Virtuality-Empfänger ausgestattete Wohnzimmer ist ein idealer Schutzraum gegen die Konsequenzen. Denn niemand verpflichtet uns, sie auch zu ziehen. Wir sehen alles. Plastisch, hochauflöslich. Spannend! Aber es tut nicht weh.

FIREBALL, der Film! Der Reality-Held aus der Retorte des Senders schlägt die Konkurrenz aus dem Feld. Wenn wir einschalten, dann stehen wir auf der rechten Seite. Darauf kommt es an. Das pralle Programm wird es schon richten. Der Bildschirm ist unser Rettungsschirm gegen einen verlorenen Abend. Wenn uns die Sendung im Glauben bestärkt, unsere Ängste hätten einen Grund. Oder wir hätten Grund genug uns zu beklagen, dass es uns schlecht geht und die Dinge auch ohne uns schief laufen. Dann ja, dann hat das Programm unsere durch knallige Werbung gesteigerte Erwartung erfüllt. Es hat uns in unseren Zweifeln bestätigt, unsere krisenerschütterte Seele für den täglichen Stress durch Spannung belohnt und unsere Neugier gestillt.

An welchen Psychosen leidet die Gesellschaft, wenn bald auch seriöse Medienunternehmen auf paranoid verzerrende Projektionen zurückgreifen müssen, um sich auf dem übersättigten Markt den Fokus zu verschaffen? Film wie Buch. Die Nachfrage schwindet. Auch das Buch scheint sich den Absatz bald nur noch sichern zu können, wenn seine Aufmachung schrill, wenn seine Verpackung so sexy ist wie sein Inhalt.

Zum Glück gibt es das Programm. Könnten wir ohne in unseren Wohnzimmern noch leben? Und zum Glück gibt es die Werbung. Auf welcher Schiene bliebe das Programm ohne Werbung? Gott schütze uns vor solcher Heimsuchung.


 

Montag, 9. April 2012

SKODA. Try me? TELL ME!








TELL. Der Denkmal-Held oxidiert. Hat seit der Gründerzeit Grünspan angesetzt. Ist ein Grüner geworden. Patina wäre angemessener, vornehmer. Grün war doch bloss Tarnfarbe!

Vielleicht hat der Prinz das Dornröschen geküsst oder die Prinzessin den Frosch.

Jedenfalls ist Tell von seinem Sockel gestiegen. Wollte er doch schon seit hundert Jahren! Ist plötzlich wach. Im Hirtenhemd, die Kaputze über sein stierlockiges Haupt gezockt, hat er sich - noch etwas taumelig, aber gar nicht alt - in den ergodynamisch gestylten Fahrersitz des SKODA gefläzt.

Hockt hinterm Steuer, beisst bärtig grinsend in den Greenapple und schaut geradeaus. Seine treffsichere Rechte hat er lässig auf den Knüppel gelegt, testet gerade im Leerlauf den Motor und schaltet den Gang ruckzuck auf DRIVE.

Die bronzene Armbrust hat er einfach an den Sockel gelehnt. Der Skoda stand schliesslich da, adrett geparkt, und blinkte ihm zu: LOVE YOU! TRY ME! TELL ME! Er erinnert sich, so stöhnten in Luzern die Metzen seinen Namen.  BELLA  ITALIA!  Nichts wie los!



WALTER. Hat er den heimkehrenden Gems- und Landvogtjäger nicht stürmisch begrüsst? Hatte der seine starke Linke nicht zärtlichstolz auf die Schulter des Sohnes gelegt, welcher bewundernd zu ihm aufblickte? Weit über hundert Jahre lang! Und jetzt?

Walterli hockt , jäh vaterlos geworden, finster sinnend auf dem Sockelrand. Barfuss.  Ein kleiner Denker? Er stützt das Kinn nicht mit gesenktem Blick pathetisch  auf die Hand, schaut vielmehr nach vorn gebeugt in die Ferne. Dort, zwischen Jagdmatt und Amsteg am Gotthard, wird der väterlich besetzte Skoda bald wie ein Blitz auf der Urner N2 verschwinden - ohne ihn!

Der Sohn sinniert, ob er nicht vom Sockel springen, die Armbrust packen und seinem Vatervogt einen Pfeil in den hintern Reifen fetzen soll. Seine urschweizerischen Gene treiben eine terroristische Wallung in ihm hoch. Wollten sie doch schon hundert Jahre lang.

Die Hand in seinem Nacken wog schwer. Wie löst der Sohn je seinen Vaterkonflikt, wenn er den Grimm über seine von einem väterlichen Jauchzer begleitete Verstossung in sich hineinstaut? Der Sohn bleibt nicht hocken. Ist nicht zum Melancholiker geboren. Hoffentlich!



Der „Liebling der Nation“? Der Slogan verfängt nicht. Die WERBUNG hat nicht treffsicher ins Schwarze getroffen. Der Sohn hat keinen Gratis-Bonus wie der Held mit dem Schweizer Qualitätssymbol „MADE IN SWITZERLAND“. Er kriegt den Skoda auch nicht locker für CHF 219.- pro Monat. Weil er ihn nicht will.

Das Hydra-Pfeilgift des Urhelden aller Mythologie ist ja vielleicht auch in sein Hirtenblut eingedrungen. Irgendwann. Aber es plagt ihn nicht. Soll doch seine Moira den väterlichen Helden auf der Passhöhe samt seinen 105 PS unter dem Hintern entrücken. Dann ist er ihn ohne Reifenschuss los. Wollte er das nicht schon seit hundert Jahren?


                                                                          
                                                                    Angedacht nach dem liberalen Grundsatz:
                                                                           „Ich will nicht! Nicht mal geleast.“      

Montag, 19. März 2012

Tod's Lost Paradise: Dieu créa la femme







DIEU CRÉA LA FEMME


Den arkadischen Reiz der langen Weile wieder entdecken!

Die Anmut selbstvergessener Hingabe an den Körper. Die Verkörperung des Wohlgefühls an sich. Auf napalonlederner Liege.  

Das Sich-Hinstrecken und Warten-Können auf nichts.

Ist unter der politischen Zumutung der Entschlackungskur aufs Mark eine bestechendere Form der Askese denkbar als: die Sühne für den Sündenfall im Paradies selbst!

Was für ein sinniges Arrangement auf den Terrassenstufen des Hotels EDEN!  *****Wellness. Hängender Garten, neobarock. Meersicht.

Wedgwood-Porzellan mit Pflanzenornamenten. Sündhaft teure Fliesen und Amphoren.

Liegt nicht ein Buch auf dem Deckel der mächtigen Gartenvase? Und verspielt auf dem Buchdeckel die Sonnenbrille?

Zwischen den Liegen der zwei Sirenen: die verschlossene Büchse der Pandora.

Was für betörende Parfums wabern wohl in ihren handgefertigten Taschen?

DIEU s’offrit le plaisir de créer la femme. Und TOD'S macht sich auf den Sprung die Creation zu vollenden.

Wer sagte, man könne die Frauen nicht lieben ohne die Peitsche, war doch ein heimlicher Masochist.


Freitag, 9. Dezember 2011

Die Bank und die junge Schöne im Kokon


                                     
 

                                                              Bankwerbung mit Fokus auf die Occupy-Bewegung?






Diskrete Lebensberatung


„Neue Lebensabschnitte beginnen: Wir sind an Ihrer Seite“, lautet der Slogan der Zürcher Bank mit dem blauen Pfeilsignet. „Die nahe Bank“ reicht dem Kunden ihre Hand.

Sie empfiehlt ihren Beraterservice mit Grund. Der Binnenverkehr rauscht an der Filiale vorbei durch die City. Der Blick durch die stilvollen Parterrefenster der fest verankerten Institution bestätigt: Alles ist im Fluss. Doch die Scheiben dämmen den Lärm. In der Stille des Bank-Foyers fühlt sich der Kunde aufgehoben. „Nichts im Leben ist so konstant wie die Veränderung. Schön jemanden zu haben, auf den man immer zählen kann“, versichert die klein gedruckte Fusszeile der Kampagne. Der sinnstiftende Aphorismus flösst Vertrauen ein.

Die Beraterin im Bild hat das schmiegsame Polster der Sitzbank an der Fensterleibung hochgezogen. Entspannt legt sie den rechten Arm auf die so geschaffene Lehne. Während sie in ihrer Latte Macchiato rührt, wirft sie einen aufmunternd-mokanten Blick auf die Teenagerin. Diese nimmt gerade mit einer unglaublich komplizierten Hockverrenkung auf der Fensterbank gegenüber Platz.

Wie geht das zu? Den rechten Fuss stellt sie auf die Sitzkante hoch und langt zugleich mit dem gestreckten Arm am Knie vorbei, um die Kaffeetasse auf dem sprerrigen Tisch heranzuziehen. Dabei rutschen Ärmel und Taille ihres oliven Merino-Jäckchens hoch, ebenso die Stösse ihrer pinkfarbenen Hose. Überlang aufgeschossen scheint sie ihren Kleidern fast um ein Jahr entwachsen.

Das Outfit der jungen Dame ist weder pop noch brav. Sie trägt eher Homewear als Streetwear, etwas schobel, ziemlich abgetragen. Ihre verbleichten Velour-Pants sind kein bisschen trendy. Sie wirkt etwas gestresst und verklemmt. Vielleicht demonstriert sie die heimliche Obstination, sich nicht zu früh als erwachsen profilieren zu wollen. Ihre gar nicht hipe Schultertasche mit dem ganzen Schulmuff dürfte sie am Vorabend unters Bett geschmissen haben. Heute liegt sie verloren auf der Fensterbank im Kaffe- und Kuschelwinkel des ehrwürdigen Foyers.

Vielleicht kann man es auch anders sehen: Ihr lockeres Outfit ist durchaus im Trend. Ihre Sitzhaltung und Miene wirken snobbish, verwöhnt und desinteressiert. So betrachtet sitzt sie jedenfalls auf eine saloppe Weise in Halbhocke. Oder wie auf dem behaglichen Sofa vor dem Fernseher stinknormal  - was liegt denn an der Haltung? So sicher kann man sich da ja nicht sein. 

Zwar kommt die Studentin nicht im adretten College-Stil daher und trägt auch sonst keinen besonders edeln Zwirn. Trotzdem suggeriert das Bild keinen triftigen Grund gegen die Annahme, dass sie aus gutem Haus stamme und das Institut die Haus- und Vertrauensbank ihrer Familie sei. Was will die Inszenierung? Sie soll eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen, soll wohl kommunizieren, dass sich die junge Kundin in der heimischen Bank wie zuhause fühlen darf. Es liegt nahe zu vermuten, dass die Bank profitabel das Vermögen ihrer Eltern verwaltet. Sie teilt wohl ihre Pläne und Sorgen mit professioneller Diskretion. Auch die um die Zukunft ihrer Kinder.

So einfühlsam finanziell abgepolsterte Zuwendung, wie sie das Töchterchen in Verhältnissen erfährt, welche man mit Blick auf globale Fluktuationen als situiert bezeichnen darf, erläutert der zitierte Aphorismus anschaulich genug. Die Bank spielt mit ihm und dem Bild so diskret wie treffend auf ihre nicht ganz interesselose Rolle als Beraterin an, welche sie unbedingt als „private“ sprich „praivit“ versteht. Gegenüber der Teenagerin spielt sie die freundschaftlich-mütterliche Rolle. Finanzberatung ist in ihrem Fall als Lebenshilfe angesagt, weil sie - der Schluss sei gestattet - im Frühling mit dem Hochschulstudium einen neuen Lebensabschnitt antritt. Die Werbefirma inszeniert den Auftrag im Bild dieser Kampagne gekonnt.

Die Bank ist sich ihrer Verantwortung bewusst. Seriöse persönliche Beratung ist umso dringlicher, als die Turbulenzen im globalen Verkehrsfluss der Werte selbst die als unverrückbar geltenden Konstanten der Finanzwelt erfasst haben und inzwischen viel Vertrauen zerbrach.



Not so fun time – die Zeiten sind nicht so lustvoll


Die aktuelle Krise ist nachhaltig. Als Kreaturen der Modewerbung sind die körnig fotografierten Outcasts, die melancholischen oder zornigen Rebellen der Suburbs zwar nicht erst eine Erfindung der Krise, aber ein cleverer Griff (manche würden sagen: ein attraktiver Bluff) zur Vermarktung des Label-Glams in ihren munteren Wellenhochs. In der Mode dieses Herbsts ist übrigens der Retro-Glam des Krisenjahrzehnts von 1930 top.

Welche Rolle spielt aber, gerade im Blickfang der Bankwerbung, die hübsche blasse, etwas verkrampft wirkende Tristesse?

Wir beamen die Szene aus der Kuschelecke des Bank-Foyers in ein besseres Zürcher Appartement und verwandeln die Bankberaterin in die Mutter. Das geht ohne Retuschen locker vonstatten. Beim Umzug ist nicht einmal die uniformblaue Bluse zu tauschen! Einzig der blaue Rahmen des Pfeilsignets um die Polsterkante ist zu löschen. Die Tochter - diese Rolle spielt sie nun ohne dass sich ihrer Erscheinung um eine Nuance verändert - ist im Wohnzimmer in einen intimen Dialog mit der Mama vertieft. Wir hören mit und finden heraus, was unentfaltet in ihr steckt:
 

Der kollegiale Mutterblick scheint ein Geständnis zu erwarten, während Haltung und Ausdruck der Tochter den Zwiespalt zwischen Abwehr und Bedürfnis nach Rat signalisieren.


Mutter (M):  Marc organisiert also diese Demo. Und die wochenlangen Sit-ins vor der UBS. Und du machst da mit?

Tochter (T):  Klar. Ich schwänze dafür keine einzige Unterrichtsstunde. Unsere Ablösung ist gut organisiert.


M: Aber abends bist du auf dem Paradeplatz. Auch etwa nachts und an den Wochenenden? Kannst du dir das leisten?

T:  Mein Schnitt ist nicht so toll. Aber die Sache ist wichtig. Jetzt! Ausserdem hilft mir Marc jede freie Minute.

M:  Und wie du dann schläfst? Bist du dir im Klaren, worauf du dich einlässt? Doch nicht etwa weil Marc die Sache so wichtig ist. Juste maintenant, Jaqueline! Jetzt kommt die Maturarbeit. Im Frühling die Prüfung. Willst du die Schule schmeissen? Deine Karriere aufs Spiel setzen?

T:  Mama, du willst ja nur das Beste für mich und - dass ich das erkenne. Tu ich ja! Doch - schliesslich muss ich selber herausfinden was ich will. Das muss ich doch lernen: Präferenzen setzen, dem Druck gewachsen sein. Und - mich entscheiden, wenn ich mehr als bloss verknallt bin.

M:  Liebst du Marc?

T:  Ja.

M:  Er ist dein Lover. Vielleicht überforderst du dich. Aus Liebe.

T:  Mama, kannst du wollen, dass ich mich schuldig fühle? Ist es „das Beste“, das du für mich willst?

M:  Das verstehe ich nicht. Von Schuldgefühlen ist doch nicht die Rede. Es geht um die Sache. Um deine Zukunft.

T:  Wenn ich hingehe, an die Demos, wenn ich die Sit-ins durchhalten will, ob aus Überzeugung oder weil ich Marc liebe, auch darum liebe, weil er etwas tut - beides gilt, ich schwör’s! - muss ich mich dann schuldig fühlen? 

M:  Wieso?

T:  Wenn ich deine Vernunftgründe ausschlage, meine Karriere aufs Spiel setze, wie du sagst, dann verrate ich meine Liebe zu dir, deine Sorge um mich!

M:  Hast du das gemeint, gestern Abend, mit dem komischen Satz von Liebe und Schuld?

T:  Nein, ich habe ihn immer allgemein verstanden. Bezogen auf die Überschuldung und die Verantwortung der Grossbanken.

M:  Was hat denn das Geld mit der Liebe zu tun?

T: Weißt du, der Satz sagt ja etwas aus über das System. Aber jetzt spüre ich deutlich, dass er das Ganze meint, also unsere Beziehung einschliesst - dich und mich. Auch Papa.

M:  Wie? Erklär mir das!

T:  Ihr wollt, dass ich nach der Matur studiere. Papa meint, Jus sei das Beste für mich. Du kannst dir auch Kunstgeschichte denken.

M:  Ja, das kann ich, weil ich spüre, dass du mehr Sinn für das Schöne als für Ordnung hast.

T:  Für mein Studium wollt ihr mir ein Konto einrichten, über das ich frei verfügen kann. Und ihr schlagt vor, dass ich mich bei der Bank zur Beratung der Studienfinanzierung anmelde.

M:  Das ist nur grosszügig. Kannst du das nicht wollen?

T:  Doch, aber ihr beide wollt, dass ich klassenbewusst einsteige, dass ich meine Vorteile wahrnehme und die Bildungskarriere mache. Dass ich statusgemäss verdiene und mich folgerichtig für den Komfort und die Sicherheit, welche der gesellschaftliche Nimbus mir aufdrängt, verschulde. Das ist die bisher anerkannte Konsequenz. Die Normaltät. Schulden halten die Wirtschaft im Fluss. Verstehst du?

M:  Das ist doch verrückt. Du hast doch deinen freien Willen. Du entscheidest über den Standart, den du brauchst!

T:  Genau. So ist es eben. Ich steige freiwillig ein. Aber eure Zuwendung verwandelt sich in Schuld. Sie sichert mir den beruflichen Status, der mich dem System verpflichtet. Graeber beschreibt, wie Gefühle sich in unpersönliche Zahlen verkehren, wie Zahlen Gewinn und Wachstum generieren und zugleich persönliche Verantwortung austilgen. Wie Geld Menschen in kalkulierte Abhängigkeit versetzt und am Ende entmündigt. Weil das, was daraus wird, unserer Kontrolle entwächst und die Grundlagen menschlicher Verhältnisse zerstört.

M:  Der amerikanische Guru. Ich habe seinen Satz vergessen, weil er abstrus ist!

T:  Das Resultat ist abstrus. Es ist die Krise. Graebers Satz erfasst ihren Kern: „Dieses System kann nur funktionieren, indem es ständig Liebe in Schulden verwandelt.“

M:  Dann funktioniert es ja eben nicht. Das hängt doch nicht vom System, sondern von uns ab. Wie wir mit unseren Gefühlen umgehen. Und was wir mit dem Geld machen.

T.  Du meinst, das lasse sich so sauber trennen. Das ist vielleicht eine Täuschung. Das System ist übermächtig. Geld macht darin uns verfügbar, nicht umgekehrt.

M:  Noch einmal deutlich: Es kommt doch darauf an, was wir mit dem Geld machen! Du, ich. Das ist Sache der Überzeugung.

T:  Weißt du, das sagen die Top-Manager, wenn sie auf ihre Millionen-Einkommen angesprochen werden. Das Kapital leiht ihnen die Freiheit, zu realisieren was sie wollen. Kapital ist Macht. Und es nimmt von selbst zu. Denn es bläst sich auf. Das ist seine Eigenschaft in der Welt der komplexen Konstrukte.

M:  Auf  d i c h  kommt es an, nicht? Auf jeden Einzelnen. Ob er mit dem Geld verantwortlich umgeht. Und auf die Institutionen, welche sich um das Gleichgewicht kümmern. Du hast doch in der Betriebswirtschaftstheorie gelernt, was „Bilanz“ bedeutet!

T:  Ja.  I c h  bekomme leicht Kredit. Schon mit eurer Referenz. Doch jene, welche in die Schuldenfalle geraten sind, es sind viele, ihre Zahl nimmt zu. Wofür tragen  s i e  Verantwortung, wenn sie ihre Schuld abzahlen - und das ewig, weil sich auch die Schuld vermehrt? Und womit zahlen sie, wenn sie nichts mehr haben?

M:  Jaqueline, Kredit hält die Wirtschaft in Gang und das kommt allen zugut, denn es schafft Arbeit und Wohlstand. Und wiederum Vertrauen - die Voraussetzung des Geschäfts.

T:  Das ist doch die Binsenwahrheit, Mama. Sag mir, wie viel Freiheit bleibt für jene übrig, die nie, gar nie eine Chance haben, Kredit zu kriegen? Die Kreditunwürdigen! Wie wohnen die? Wer löst ihre Fussfessel und das Versprechen ein, das für sie noch nicht einmal ausgesprochen wurde?

M:  Wie stellst du dir eine Gesellschaft vor, in welcher jedem jede beliebige Freiheit zusteht?

T: Ich denke nach. Nicht beliebig! Als eine Demokratie, überschaubar und auf der Basis des vernünftigen Konsenses. Wir versuchen diese im Camp zu praktizieren. Ich weiss noch nicht, wie ich mich entscheiden werde, Mama. Gerade deshalb muss ich aber da hin. Ich muss die Herausforderung bestehen. Wir sind das Versprechen. Es geht um Gerechtigkeit. Und um die Wahrheit, für die es sich einzustehen lohnt … Doch eines ist für mich sicher: Wenn die Ordnungskräfte (ich sage nicht: die Bullen!) mit Gewalt vorgehen; wenn sie uns mit Pfefferspray blenden, dann stärkt das unsere Überzeugung, dass etwas falsch ist. Dann ist das Recht auf unserer Seite.


                                                                            Complex structures?



Investment-Werbung 2006


Nespresso, what else? - What else?


Why did they not create controls so that money couldn't just be created with reckless abandon by those in power ... They've created overarching institutions like the IMF, to protect creditors. (David Graeber, Interview ZNet)












                                                     

Dienstag, 15. November 2011

LIFESTYLES LAUFSTEG










„Vom Jahr 2009 wird mir das Gefühl bleiben, dass der modische Zwang zur Erneuerung wie nie zuvor in einen Leerlauf geraten war.“ (Stéphane Bonvin, im hypothetischen Rückblick vom Jahr 2039)



Man konnte aus der Haut fahren. Die Preise galoppierten. Oder sie trabten wiehernd als BUDGET-Tölter und DISCOUNT-Ponys vorüber. Es war wie im Zirkus. Es konnte ja sein, dass sein Budget schrumpfte. Doch die Preise kümmerten sich nicht darum. Selbst wenn sie der Teuerung trotzten, legten sie zu. Moderat waren sie selten, gierig von Natur. Vielleicht mussten sie zulegen, damit sie die kommende Rezession überstanden. 

Und er? Musste er nicht leben, damit er das Leben überstand? Die Preise aller Dienstleistungen, Lebensmittel, Zinsen, Prämien, Wärme - die Preise rannten davon. Man lebte am Tag. Er sah eines Tages nicht mehr ein, weshalb er sich für die textile Nacht-Ausstattung so tief an seinem Ersparten vergreifen sollte. Den Entschluss ohne zu schlafen brauchte er sich nicht abzuringen.   

Er schlief also nackt. Aber schlecht, weil von dem Tag an die wilde Sequenz der Laufstegträume in sein Nachtleben eindrang. Sein virtuelles Leben als Nacktmahr begann.

Immerhin verfolgten ihn die CUMULI nicht mehr in seinen Träumen. Schäfchen zählen war ja der Luller. Aber Punkte zählen, Vorteile ausrechnen für ZAHNPFLEGESORTIMENTE, RÜCKENPROTEKTOREN, LICHTSCHLÄUCHE, ALLEWETTERSTATIONEN, LAURAS STAR-PREMIUM BÜGELSYSTEM wurde zum Game. Seine Sucht wuchs sich zur  Wachtortur aus. Und wenn das blauäugige Sparschwein ihm die SUPERPUNKTE auf das VORSORGEKONTO BEI DER SUPERMARKTBANK in die Ohren grunzte, war er am Morgen sterbenskrank.

Diesem Alptraum hatte er den Garaus gemacht. In einem heilsamen Wutanfall über die Profitpunkteschinderei hatte er am selben Tag über sämtliche Kundendienste der SHOPPINGCENTER seine sämtlichen Kundenkarten gekündigt. Auch die SPAM-Verführung war er los. Der potente Spamfilter schützte ihn endgültig gegen Werbung für dufte SCHLAFANZÜGE und KLASSE-UNTERWÄSCHE.



Seine neue Traum-Show war zum Glück kitzlig, abenteuerlich, raffiniert. Die Nacktlaufstege verrannten sich zwar rasant zu Corridamusik im Wirrsal der Korridore, Etagen und Rolltreppen eines GIGA-SPREITENBACH. Doch er nahm die Schweissausbrüche billig in Kauf. Denn er erlebte vor seinen nächtlichen Auftritten die Wonnen einer Geschlechtsumwandlung und groundete am Ende der wahnwitzigen SHOPPING-Achterbahn planmässig in einer LOUIS VUITTON MEGA-Kristallhöhle. Dort wurde er von zwei violetten Perlmuttglanzlack-Fingernägeln geBOSStitcht und erfuhr, während ihre Spitzen in seinen Leib eindrangen, zwischen verspielten LOLA-DUFTSETS lustvoll WAS WIRKLICH ZÄHLT IM LEBEN: die Liebe. Und das schon acht Wochen vor Weihnachten!

Die Liebe verband sich im gruftig riechenden FINE FOOD RESSORT sinnig mit kulinarischer Exotik. Die Rabattangebote für EYE OF REINDEER mit BROMBEER-HOLLANDAISE, den herrlichen BLUE STILTON WITH PORTWINE und den CAKE TRUFFÉ GRAND CRU mit    s e i n e m  ONLY TRUE SINGLE MALT liessen die Gaumenvorfreuden auf ein virtuelles Weihnachtsmenu in der Tundra oder in gälischen Highlands aufleben. 

Wenn er erwachte, streichelte bisweilen ein nomadischer Wind sein Gesicht. Ein silberner Ballon von beinahe durchsichtigem Glanz schwebte über dem Land. Darauf stand: WIR BAUEN – FÜR SIE! Für uns taten sie alles, dachte er. Alles taten sie nur für uns. Der Erlös ihres schrankenlosen Altruismus würde - als die Erfüllung ihres Heilsversprechens - vervielfacht auf uns zurückfliessen. Für sie allerdings war solche Empathie nichts weiter als die systemimmanente Nächstenliebe. Sie waren in jeder Hinsicht pragmatisch.

Der Tag seiner Besinnung war blau wie ein leerer Bildschirm. Sie hatten ihm die FERNBEDIENUNG geschenkt, den BOULEVARD, die LIFESTYLESPOTS, die NATUR- UND ABENTEUERFILME, die MYSTERYSERIEN, DIE SIMPSONS, die NACHTPORTALE, CLUBS, TALKSHOWS, KUNSTREVUEN. Im Programm und auf dem Glanzpapier ihrer Magazine. Die ganze virtuelle Schöpfung.

Spätnachts setzte er den GHOST RIDER auf Standby und die Nase an den Flaschenmund seines letzten TALISKER. Er roch daran, als ob er geahnt hätte, dass er ihn letzte Weihnachten leer getrunken hatte. Unter seine schmuddelig gewordene YVES DELORME LIFESTYLE-Laken kroch mit ihm zusammen die Armut und er musste sich allmählich eingestehen, dass ihm die zweite Haut fehlte.

Als der Winter kam, er kam wirklich und nicht mit Silberfäden und Colliers behängt, reifte sein Entschluss, die erste so teuer wie möglich zu verkaufen. Sie schien ihm besonders modisch: schmal, lang und dünn.



        



                     
                      





NIGHTMARE oder LIFESTYLES CATWALK